M&A-Aktivitäten in der Agrochemie

Übernahmeaktivitäten haben die Chemie-Branche in den letzten sechs Monaten ordentlich durcheinander gewirbelt. Brandaktuell sind die Veränderungen in der Agrochemie; insbesondere im Bereich Saatgut steht Marktführer Monsanto dabei immer mehr als Verlierer der jüngsten Entwicklungen da.

Nach der Fusion von Dow Chemicals (DOW) und DuPont (DD) in einem Merger of Equals und dem erfolglosen Übernahmeversuch von Syngenta (CH0011037469) durch Monsanto (MON) Ende letzten Jahres für 46 Mrd. Dollar scheint Syngenta nun für kolportierte 43 Mrd. Dollar (470 CHF pro Aktie für 70% der Anteile) von China National Chemical Corp. (kurz ChemChina) übernommen werden. Beide Parteien sind sich hier einig, jedoch könnte das CFIUS (Committee on Foreign Investments in the United States) hier noch entscheidend eingreifen (Bericht der NZZ), was den Verkauf von maximal drei US-Werken betreffen könnte und vom Konkurrenten Monsanto wohl hinter den Kulissen schon forciert wird, wie die Handelszeitung berichtet. Insgesamt scheint ein Zustandekommen des Deals aber deutlich wahrscheinlicher als unwahrscheinlich.
Das könnte weitere Veränderungen im Agrarchemie-Segment mit sich ziehen, nicht zuletzt da ChemChina mit der gelungenen Übernahme zu einem direkten Konkurrenten von Monsanto auf dem Gebiet von Saatgut würde. Dow Chemicals und DuPont werden nach dem in einer Spanne von 18-24 avisierten Vollzug der Fusion in drei unabhängige, börsennotierte Teile für Werkstoffe, Spezialchemie und Agrarchemie aufgespalten. Das Unternehmen für Agrarchemie wäre im Jahr 2014 nach eigenen Angaben zusammengenommen einen Umsatz von 19 Mrd. $ gekommen (Mitteilung DowDuPont).

Aktuelle Situation von Monsanto:

Monsanto müsste also angesichts der größer werdenden Konkurrenz nachziehen und könnte sich ebenfalls nach Wachstumschancen durch Unternehmensübernahmen umschauen. Das Geschäft des Konzerns aus Missouri ist in die Geschäftsbereiche ‚Seeds and Genomics‘ (Saatgut und Biotechnologie) und ‚Agricultural Productivity‘ (Herbizide und Dünger) aufgeteilt.

Monsanto musste im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatzrückgang zum Vorjahr von 5% (gleichmäßig verteilt auf beide Geschäftsbereich, stark beeinflusst vom starken US-Dollar) auf 15 Mrd. $ hinnehmen, das Ergebnis der originären Geschäftstätigkeit sank um 13,5%, der Free Chash Flow (als Anzeichen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit) ist um 118% gestiegen. Die Barmittel (cash and cash equivalents) sind um 1,3 Mrd. Dollar gewachsen, dies ist aber nicht zuletzt durch einen Rückgang der für Investitionen aufgewandten Barmittel von 2,1 Mrd. $ um mehr als die Hälfte auf 1 Mrd. $ zurück zu führen. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sanken um 8,4% auf 1,58 Mrd. $, was 10,5% des Gesamtumsatzes entspricht.
Wie viele andere Unternehmen auch hat Monsanto die Niedrigzinsphase genutzt um sich an den Anleihemärkten Kapital zu beschaffen, so ist die Debt-to-capital ratio von 14% in 2013 auf 56% in 2015 angestiegen, was einem Verschuldungsgrad von 1,27 entspricht [Eigenkapital: 6,99 Mrd. $, langfristige Verbindlichkeiten: 8,43 Mrd. $, kurzfristige: 615 Mio. $]. Der Bestand an Barmitteln beträgt derzeit 3,7 Mrd. $, darüber hinaus hält Monsanto eigene Aktien im Wert von 12,1 Mrd. $; die Kriegskasse für zukünftige Übernahmen ist also ganz gut gefüllt.

Mögliche Ziele auf dem „Heimatmarkt“:

Ausgehend von einer fairen bis moderaten Bewertung (entspricht KGV von unter 25), einem positiven Umsatzwachstum in den letzten fünf Jahren und eines positiven Gewinns pro Aktie als Kriterium für eine mögliche Übernahme kommen in den USA und Kanada 6 börsennotierte Unternehmen als Übernahmekandidat in Betracht:

UnternehmenMarktkapitalisierung (in USD)Umsatzentwicklung 5 JahreKGVEntwicklung Gewinn pro Aktie 5 JahreVerschuldungsgradTicker
Potash Corporation of Saskatchewan12,67 Mrd.12,30%9,5511%0,43POT
Agrium Inc.11,61 Mrd.11,90%14,6318,70%0,75AGU
The Mosaic Company7,79 Mrd.6%7,547,70%0,39MOS
CF Industries6,86 Mrd.12,70%8,0529,50%1,36CF
Terra Nitrogen Company LP1,82 Mrd.5%9,517,50%TNH
CVR Partners, LP0,37 Mrd.7,50%6,455,70%UAN

Bei den aufgelisteten Unternehmen liegt der Fokus klar auf dem Dünger-Geschäft, sie wären also eine Ergänzung für den Geschäftsbereich Agricultural Productivity.
Potash ist der weltweit größte Hersteller von Düngemitteln für die Landwirtschaft und im Besitz von mehreren Minen für den Abbau von insbesondere Kalisalzen mit einem Jahresumsatz 2015 von 6,28 Mrd. $. Das kanadische Unternehmen konnte 2011 eine feindliche Übernahme durch den Rohstoffkonzern BHP Billiton (GB0000566504) für 38,6 Mrd. $ abwehren (Bericht WSJ) und versuchte im letzten Jahr K+S (DE000KSAG888) zu übernehmen, stellte die Bemühungen nach ersten abgelehnten Angeboten dann jedoch auf Grund eigener Probleme ein. Die Beteiligungen an Potash liegen zu 61,32% in institutioneller Hand.
Agrium ist ein großer Einzel- und Großhändler für Dünger und andere landwirtschaftliche Produkte mit ca. 1500 Einzelhandelsstandorten in Kanada und den USA („CPS“), Australien („Landmark“) und Südamerika („ASP“), betreibt aber auch selbst eigene Minen für Kalisalz und Phosphat. 2015 lag der Umsatz bei 14,8 Mrd. $, 74,12% der Aktien sind in institutioneller Hand.
Mosaic baut ebenfalls – als größter Produzent in den USA – Kalisalz und Phosphat ab und vertreibt diese Produkte weltweit und erzielte 2014 einen Umsatz von 9,1 Mrd. $. 87,32% der Aktien sind in institutioneller Hand
CF Industries ist ein Hersteller und Vertreiber von Stickstoff- und Phosphatdüngern, der durch die Mitte 2016 abgeschlossene Übernahme des niederländischen Unternehmens OCI zum größten Hersteller von Stickstoffdünger der Welt aufsteigen wird. 2014 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 4,74 Mrd. $. Darüber hinaus ist CF Industries Mutterkonzern der in der Liste geführten Terra Nitrogen.
CVR Partners ist ebenfalls ein Hersteller von Stickstoffdünger und erzielte 2014 einen Jahresumsatz von 299 Mio. $.

Da die meisten genannten Unternehmen selbst Minen betreiben scheint eine Übernahme in diesem Bereich unwahrscheinlich, da Monsanto in ein völlig neues Geschäftsfeld einsteigen müsste, obgleich die anhaltende Baisse am Rohstoffmarkt und die daraus reslutierenden schrumpfenden Profite der Unternehmen sicherlich günstige Gelegenheiten böte, was sich auch an den günstigen Bewertungen ablesen lässt. Eine Übernahme von CF Industries scheint unwahrscheinlich, da diese selbst mitten in einer Übernahme stecken an deren Ende der Geschäftssitz nach Europa verlagert wird. CVR Partners wäre auf Grund der größte maximal „Beifang“.
Bei Betrachtung der Kennzahlen, wäre eine Übernahme von Agrium am attraktivsten, welche auf fünfjahressicht zweistellige Wachstumsraten des Umsatzes und des Gewinns pro Aktie bei einem attraktiven Verschuldungsgrad bieten.

Player auf dem Saatgut-Markt:

Der weltweite Markt für Saatgut wird unter einer geringen Anzahl an Teilnehmern aufgeteilt und bisher von Monsanto, DuPont und Syngenta kontrolliert. Letztere beherrschten nach einer Studie der ETC-Group im Jahr 2013 etwa 53% des Saatgut-Marktes.
Neben Syngenta (bzw. ChemChina) wird hier also der zukünftige abgespaltene Agrarbereich von DowDuPont der größte Konkurrent von Marktführer Monsanto werden, andere sind Vilmorin & Cie. (FR0000052516) aus der Group Limagraine (selbst nicht börsennotiert), KWS (DE0007074007), die US-Milchbauerngenossenschaft Land O’Lakes, BayerCropScience (eigenständiger Konzernbereich), DLF (nicht börsennotiert) und Sakata (nicht börsennotiert).

Die beiden einzigen größeren börsennotierten Marktteilnehmer kommen also aus Europa:

UnternehmenMarktkapitalisierung (in USD)Umsatzentwicklung letzte 5 JahreKGVEntwicklung Gewinn pro Aktie letzte 5 JahreVerschuldungsgradTicker
KWS1,61 Mrd. €15,27%23,5817,92%0,85KWS
Vilmorin1,30 Mrd. €6,48%21,38-20,46%1,54RIN

Hauptabsatzmarkt von KWS ist Deutschland und das übrige Europa (zusammen 68%), auf Nord- und Südamerika entfallen lediglich 26%. Kernsegmente des Unternehmens sind Mais (49%) und Zuckerrüben/Kartoffeln (40%). KWS wendet ca. 17% seines Gesamtmsatzes von 986 Mio. € für Forschung und Entwicklung auf.
28% der Aktien befinden sich im Streubesitz, 56% in Hand der Familien Büchting, Arend Oetker und Giesecke, 15,1% gehören der Tessner Beteiligungs GmbH.

Die Vilmorin & Cie. SA teilt ihr Geschäft auf in Gemüsesaatgut (bei denen sie weltweit Nummer 2 ist) und Feldsaatgut auf, der Umsatz ist mit 48% Gemüsesaatgut und 47% Feldsaatgut gleich verteilt. 61% des Gesamtumsatzes wird in Europa gemacht, 18% in Nord- und Südamerika, 11% in Afrika und dem nahen Osten und 10% in Asien und Ozeanien. Vilmorin wendet 18,9% des Umsatzes von 1,53 Mrd. € für Forschung und Entwicklung auf.
73,74% der Aktien gehören Unternehmen des Mutterkonzerns Limagrain, insgesamt 62,5% direkt der Groupe Limagrain Holding. Die restlichen 26,26% werden an der Pariser Börse gehandelt. Dabei befinden sich nur 6,16% im Streubesitz, 20,1% gehören institutionellen Investoren.
Im Geschäftsfeld Mais Nordamerika gibt es ein mit „AgReliant“ ein Joint Venture von KWS und Vilmorin.

Vilmorin wäre ein geeignetes Übernahmeziel, um die Marktstellung im Bereich Gemüsesaaten zu stärken; hier machte das französische Unternehmen 2015 mit 615 Mio. € fast soviel Umsatz wie Monsanto (742 Mio. €). Eine solch starke Konzentration für einen bestimmten Teilmarkt könnte allerdings auch die Wettbewerbsbehörden alarmieren. Für eine Übernahme ist Einigung mit dem Mutterkonzern Limagrain Grundvoraussetzung.
Von den betrachteten Kennzahlen, vor allem auf Grund der besseren Kapitalstruktur, erscheint KWS als attraktiveres Übernahmeziel. Das deutsche Unternehmen ist aber sehr regional aufgestellt und bietet einem Käufer nennenswerte Wachstumsmöglichkeiten allein in Europa.
Beide Unternehmen wenden einen deutlich größeren Anteil ihres Umsatzes für Forschung und Entwicklung auf.

Insgesamt böten beide Unternehmen zusammen ohne Synergieeffekte ein Umsatzwachstum etwas unter 20%. Eine erfolgreiche Übernahme von Syngenta mit einem Jahresumsatz von fast 13 Mrd. CHF hätte fast eine Verdopplung des Umsatzes bedeutet.

Mögliche Ziele für Monsanto:

Solange Monsanto nicht selbst im Abbau von Rohstoffen tätig werden möchte, ist es schwierig auf dem amerikanischen Markt durch Zukäufe börsennotierter Unternehmen zu wachsen. Die dort größten Unternehmen sind allesamt im Bereich für Düngemittel tätig und betreiben selbst Minen zum Abbau von Kalisalzen, Phosphat und ähnlichen Rohstoffen. Ausgehend von der Geschäftstätigkeit wäre CF Industries am ehesten denkbar, das Unternehmen ist jedoch selbst mit einer noch nicht abgeschlossenen Übernahme zum weltweit größten Produzenten für Stickstoffdünger aufgestiegen.

Im Bereich Saatgut gibt es mit KWS und Vilmorin gleich zwei börsennotierte Kandidaten, die für eine Übernahme durch Monsanto in Frage kämen. Bei Vilmorin könnte es durch den hohen Anteil an Gemüsesaaten evtl. kartellrechtliche Probleme geben und beide Unternehmen sind eigentlich zu klein um alleine Monsanto spürbar nach vorne zu bringen.

 

 

 

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